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M!LK Ausgabe 1 | 2025

„Bei uns geht es um Leben und Tod“

Warum klare Strukturen bei militärischen Entscheidungen die halbe Miete sind und was sich zivile Führungskräfte vom Heer abschauen können, erklärt Oberst Jörg Loidolt im Gespräch.

Text: Klaus Putzer

Zur Person

Oberst Jörg Loidolt (53) ist seit 2019 Kommandant des in Wels stationierten Panzerbataillons 14, des einzigen Panzerbataillons im österreichischen Bundesheer.

Entscheidungen beim Militär kommen anders zustande als im zivilen Leben. Wie?

Oberst Jörg Loidolt: Militärisches Entscheiden ist klar auf den Kommandanten oder die Kommandantin fokussiert, die dafür eigene Instrumentarien haben. Im österreichischen Bundesheer gibt es für die Entscheidungsfindung das „taktische Führungsverfahren“ als festgelegten Prozess, um Aufgaben zu lösen. Es beinhaltet verschiedene Schritte, wann, wo und welche Information zugeführt wird, wie diese Information im Stab, der den Kommandanten zur Verfügung steht, aufbereitet und dann in verschiedenen Führungsgrundgebieten bearbeitet wird. Weiter gibt es Lagevorträge an den Kommandanten, vom Lagevortrag zur Unterweisung (LVU), wo das große Problem aufgerissen wird, bis hin zum Lagevortrag zur Entscheidung (LVE). Meist gibt es zwei bis drei Alternativen, die das gestellte taktische Problem lösen. Parallel dazu führt die Person, die das Kommando hat, das „Kommandantenverfahren“ durch. Das heißt, sie durchläuft das taktische Führungsverfahren allein und prüft in der Rückmeldeschleife mit ihrem Stab, ob er zu ähnlichen Resultaten kommt. So wird sichergestellt, dass man nichts übersieht oder in verschiedene Richtungen läuft. Als Kommandant des Panzerbataillons 14 bin ich in der Befehlskette der Erste, der einen Stab an seiner Seite hat. Meinen Befehl wiederum bekomme ich von der Ebene darüber, das ist die Brigade.

© Harald Mitterhumer/PzB14

Was wäre ein Beispiel für einen Brigadebefehl?

Loidolt: Die Brigade befiehlt zum Beispiel, ein Angriffsziel in fünf Stunden zu nehmen. Ich muss in fünf Stunden mit dem Bataillon 30 Kilometer zurücklegen, muss das Angriffsziel nehmen und gegen den Feind im Kampf gewinnen. Dieser Weg von meinem Ausgangspunkt über den Anmarsch und den Angriff bis zur Einnahme des Angriffsziels ist das, was ich mit meinem Stab plane, und dafür haben wir auch eine Zeitvorgabe in der Vorschrift. Es sind im längsten Fall 90 und im kürzesten Fall 15 Minuten, um die Entscheidung in allen Details auszuarbeiten.

Warum gibt es diese engen Zeitfenster?

Loidolt: Bei uns geht es um Leben und Tod: egal ob im militärischen Konflikt oder im Katastropheneinsatz. Dessen müssen sich militärische Führungspersonen bewusst sein. Wir legen daher großen Wert darauf, Varianten mit möglichst hoher Erfolgswahrscheinlichkeit zu wählen, das heißt, Verluste so gut es geht hintanzuhalten.

Auch der berüchtigte militärische Befehlston ist auf Effizienz ausgelegt?

Loidolt: Wir arbeiten viel mit Abkürzungen. Durch die EU-Mitgliedschaft Österreichs sind es oft englische Begriffe. „Alpha Alpha“ meint zum Beispiel Assembly Area, deutsch Verfügungsraum. Also wir sagen nicht „Verfügungsraum“, sondern Alpha Alpha. Wenn ich befehle „Zweite 14 bezieht Alpha Alpha Dunkelsteinerwald Süd“ und gebe noch ein Grid, also ein Netzgeviert dazu, dann weiß die II. Kompanie genau, wohin sie muss und was sie dort zu tun hat.

Wie wird militärisches Entscheiden eingeübt?

Loidolt: Das Führungsverfahren begleitet uns als Offiziere vom Fähnrich weg bis zum Masterstudium an der Landesverteidigungsakademie. An der Militärakademie (MILAK) ist es die gängige Denkschule, um Probleme zu lösen. So wird beispielsweise auch der jährliche Ball nach dem taktischen Führungsverfahren organisiert. Das heißt, wir trainieren das Verfahren an diesem zivilen, praktischen Beispiel. Hier haben wir natürlich Wochen, um zu entscheiden, und nicht nur 90 Minuten, aber es wird genau so befohlen und es werden die Strukturen eingehalten. Zudem stehen uns Simulationssysteme zur Verfügung. In der Schweiz gibt es ein Simulationszentrum für komplexe Gefechte. Hier steht man in einem nachgebauten Schützenpanzer mit 360-Grad-Rundumsicht, samt Funk und realistischen Bewegungen im Gelände. Man verbringt dort im Training zehn, zwölf Stunden, um das gesamte Gefecht zu führen und immer wieder Entscheidungen zu treffen. Wir wenden das taktische Führungsverfahren genauso auch bei Assistenzeinsätzen an.

Welche Entscheidungen sind bei einem Katastropheneinsatz zu treffen?

Loidolt: Beim Donauhochwasser 2013 mussten wir zum Beispiel priorisieren, wem wir wann wie helfen. Schwierig, denn alle wollen etwas von dir und zerren an dir. Auch dort hat sich gezeigt, dass unsere Entscheidungsabläufe – gerade auch in der Zusammenarbeit mit anderen Kräften wie der Feuerwehr – einen Einsatz klarer strukturieren.

Was war Ihre bisher schwierigste Entscheidung?

Loidolt: Vor eineinhalb Jahren hatten wir einen schweren Unfall mit einem Toten in meinem Bataillon. Unmittelbar danach hätten wir an einer großen Übung in Deutschland teilnehmen sollen. Da habe ich entschieden, die Kameraden nicht nach Deutschland zu schicken. Ich merkte, das ist psychologisch nicht tragbar: Sie haben den Tod des Kameraden nicht so schnell verarbeitet.

Was könnte man sich persönlich oder im Job vom militärischen Entscheiden abschauen?

Loidolt: Wer versucht, den Familienurlaub gemäß dem taktischen Führungsverfahren abzuarbeiten, wird Schiffbruch erleiden (lacht). In der Wirtschaft ist es wichtig, zu wissen, wie Entscheidungen getroffen werden: Wer hat welche Befugnis? Wer ist für welche Information zuständig? Wie werden Informationen aufbereitet? Ganz wichtig ist die Stabsarbeit, nach dem Motto „eins plus eins ist drei“: Wenn mehrere Köpfe das gleiche Problem aus verschiedenen Richtungen betrachten, bekommt man in der Regel ein besseres Ergebnis. Weicht die Entscheidung meines Stabs – also meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – von meiner eigenen ab, sollte ich die Größe haben, zu überlegen, warum die zehn, fünfzehn Leute, die alle gut ausgebildet sind und denen ich vertraue, auf eine andere Lösung kommen.

Glossar

Stab

Gremium der Hilfsorgane der Leitungsperson eines Verbandes (z. B. Brigade, Bataillon, Geschwader), bestehend aus Spezialistinnen und Spezialisten aus den verschiedenen Führungsgrundgebieten

Führungsgrundgebiet

Sachbereiche wie Personal, Nachrichtenwesen, Logistik, Informationstechnik etc.

Lagevortrag

strukturierter Vorgang zur Informationsweitergabe und Entscheidungsvorbereitung

Verfügungsraum

festgelegter geografischer Bereich, in dem sich Truppen für einen bevorstehenden Einsatz bereithalten

Cover M!LK-Magazin 1/2025